Der Eigentliche Text 1992


Der Eigentliche Text
Der Eigentliche Text ist ein Gedichte-Plakat.
Auf einer Fläche von 127 x 92 cm stehen 27 Einzeltexte, die durch Anordnung und Farbgebung der Textkörper zu einem bildartigen Ganzen werden.
Das Bild als Ganzes, die einzelnen Formen und manche Farben haben für sich selbst Sinn, die Gedichte ebenfalls. In der Zusammenstellung treten bildhafte und farbliche Elemente mit inhaltlichen in komplexe Wechselbeziehungen: die Stellung im Bild, die Farbgebung und der Sinn der Worte bestimmen sich gegenseitig.
Einerseits ist Der eigentliche Text also ein Bild, das aus einer gewissen Betrachtungsdistanz in seiner Gesamtheit simultan aufgenommen werden kann; andererseits sind seine Elemente Texte, die einzeln und notwendigerweise nacheinander zu erschliessen sind. Das In-die-Nähe-Gehen ist insbesondere dort notwendig, wo die farblichen Kombinationen dazu führen, dass gewisse Wörter nur bei nahem Zusehen entzifferbar sind – und für den Überblick muss wieder zurückgetreten werden.
Dieses interaktive Va-et-vient lädt die Betrachtenden ein, einen Faden aufzugreifen und in den Text zu steigen. Eine farbige Beziehung führt sie von einer Form zur anderen, ein neuer Reiz lässt die Bahn wechseln, und so entdecken sie den Kosmos nach ihrem Muster.
Bildlichkeit und Farbe
Auf der Gesamtansicht sind einzelne Elemente als Formen erkennbar, so der Himmelsbogen oder die Hügelkette und das von oben nach unten einfallende (Sonnen-) Gelb. Auf der rechten Seite, weniger gut erkennbar, betont eine schmale schwarze Linie die Vertikale (vgl. Foto Struktur).
Die Texte, die diese Formen bilden, sind inhaltlich mit den entsprechenden Formen verbunden. Beim Himmelsgewölbe geht es in den Texten hauptsächlich um die Farbe Blau, um das Blau des Himmels, bei den Hügeln spielt in den Texten ein (recht metaphorischer) Hügelbegriff eine Rolle. Dieses Prinzip der Ikonizität wurde nicht mechanisch im Sinne einer möglichst strengen Abbildung gehandhabt, insgesamt jedoch soll es stark genug sein, den spontanen Eindruck einer Gestalt, eines Bildes einer Welt hervorzurufen.
Ähnlich bin ich auch bei der Farbgebung vorgegangen, sie ist nur teilweise abbildend. So ist der Himmel ist blau und das einfallende Gelb gelb, die Hügel allerdings sind – entgegen einer in Grün-Braun gehaltenen Abbildung – in einem dem Inhalt eher entsprechenden Rot geschrieben. Auch andere Farbzuordnungen sind subjektiv inhaltlich motiviert.
Die Geschichte des Eigentlichen Texts
Die 27 Einzeltexte sind zwischen 1981 und 1990 entstanden, die meisten um 1985/86. Das Konzept stammt aus dem Jahr 1990, dann wurden auch die Auswahl der Texte getroffen und ihre Anordnung festgelegt.
Geschrieben wurden die Texte ohne intendierten Zusammenhang untereinander.
Bei Betrachtung der für einen anderen Anlass zusammengestellten kleineren Einheit Gedichte, ergab sich zwanglos die Hügelkette, ebenso spontan kamen die (jetzt) gelbe senkrecht dazu gestellte Reihe und der Überschnitt dazu.
Es drängte sich mir die Vorstellung auf, es würden viele, vielleicht alle relevanten Texte, in eine solche Struktur fallen – das Bild der übersättigten Lösung und diese erste Zuordnung als prozessauslösendes Molekül. Aus der Distanz betrachtet war es nicht so, und der Eigentliche Text ist bloss eine auswählende Ansicht eines Kosmos zu einer bestimmten Zeit.
Der Name Der eigentliche Text bzw. Der wahre Text, wie er ursprünglich lautete, spielt mit der ursprünglicheren Bedeutung des Wortes ‚Text‘, nämlich ‚Gewobenes‘, was in ‚Textilien‘ weiterlebt. Die Idee dahinter ist die Vorstellung einer Kleideretikette, bei der vorne der Schriftzug sichtbar ist, die verbindenden Fäden aber auf der Rückseite verlaufen.
Diese Vorstellung hat auch die verwendete Technik beeinflusst: Auf weisses Grundpapier wurden die Texte mit Wachsfarben (Neocolor) gezeichnet, dann wurde das Ganze mit wasserlöslicher Farbe übermalt und die Wasser abweisenden Texte blieben sichtbar.
Das Projekt ist nicht beendet.
Der Druck war zur Entstehungszeit aus technischen Gründen teuer und für meine damalige Finanzlage unerschwinglich.
Inzwischen ist der Druck, wiederum aus technischen Gründen, günstiger zu bewerkstelligen, aber ich habe noch anderes mit dem Eigentlichen Text vor. Eine allfällige Druckvorlage wäre bloss ein Nebenprodukt dieses Umsetzungsprozesses.
Angedacht ist eine Übertragung des Projekts in elektronische Form. Auf einem Beamer können dann das ganze Bild, die einzelnen Texte und auch die Farben isoliert angewählt und dargestellt werden – alles, was ein betrachtendes menschliches Auge mit dem ursprünglichen Gedichte-Plakat auch tut. In dieser Form ist Der Eigentliche Text ideal geeignet für eine begleitete Präsentation vor Publikum. Dazu später mehr.







In gedruckter Form sind die Gedichte des Eigentlichen Texts in der «Bibliothek» in der Rubrik «Sammlung/Aufführung» unter dem Titel: Der Eigentliche Text, Sammlung 1992 zu finden.